Am Galibier

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
28.07.1998 103 354 2.070 7.703 Camping Serre Chevalier

 

Was ist es doch herrlich in einem warmen Bett zu liegen, wenn man an den gestrigen Tag zurückdenkt. Man möchte gar nicht aufstehen. Nach dem Frühstück haben wir erst einmal eine andere Aufgabe. Martins Fahrrad steht mit einem Plattfuß in der Hotelgarage. Ersatzschläuche haben wir genug mit. Wir halten uns nicht lange mit dem Flicken des Schlauches auf, sondern ersetzen ihn durch einen neuen. Die Wetterlage hat sich über Nacht wieder erheblich gebessert. Sogar die Sonne erscheint hin und wieder zwischen den einzelnen Wolken.

Gestern nicht mehr wahrgenommen, sehe ich den Abzweig zum Col du Mont Cenis. Unsere Route führt allerdings nicht über den Mont Cenis, sondern weiter Richtung Modane. Die Straße geht fast nur leicht bergab. Auf der Höhe von Bramans sehen wir mehrer alte Festungen mit roten Ziegeldächern. Je tiefer wir kommen, um so mehr nimmt der Verkehr zu. In le Freney kurz hinter Modane wird er fast unerträglich. Der gesamte, durch den Tunnel du Frejus heranrollende Verkehr wird hier durch das Tal in Richtung  St. Michel de Maurienne gepresst. Mehrer Baustellen und die damit verbundenen Engstellen lassen mehrere gefährliche Situationen enstehen. Ich habe Angst, von einem LKW gegen die Betonabgrenzung gedrückt zu werden. Nach einer guten halben Stunde sind wir froh, die 17 km von Modane bis St. Michel de Maurienne heil hinter uns gebracht zu haben. Nun in Richtung Col du Telegraph und Col du Galibier dürfte es ruhiger werden.

Unser vierter Tag führt uns von der Vanoise an den Nordrand einer Kette von Bergriesen, die auch unter dem Namen Pelvouxgruppe bekannt ist. Der höchste von ihnen, das Massif de Ecrin 4102 m hoch, werden wir erst später zu Gesicht bekommen. Momentan “krabbeln” wir erst einmal langsam durch eine noch baumreiche Gegend zum Col du Telegraph hinauf. Die von meinem Fahrrad ausgehenden Geräusche werden mir doch langsam lästig. Die Kette wurde vom gestrigen Regen dermaßen ausgewaschen, dass ich in einer Kehre anhalte und meine Werkzeugtasche herauskrame. Die paar Tropfen Öl wirken Wunder. Ich reiche das Ölfläschchen weiter.

Etwas höher bekommen wir einen herrlichen Rückblick auf St. Michel de Maurienne und das tief eingeschnittene Arc-Tal. Wir können sogar die Holzbrücke erkennen, über die wir die Arc auf dem ersten Straßenstück überquert haben. Burkhard ist etwas vorgefahren, er erwartet uns bereits auf der Passhöhe. Knapp 900 Höhenmeter haben wir am Col du Telegraph bewältigt. Die Temperatur von 20 Grad C ist in 1600m Höhe doch recht angenehm. Die Absperrgitter, Begrenzungen zwischen  Zuschauer und Rennstrecke, stehen als Überbleibsel des gestern hier durchgezogenen Tour de France Trosses noch überall am Fahrbahnrand herum. Wir sehen mehrere Rennradfahrer auf der Passhöhe. Einige Gespräche entwickeln sich. Wo kommt ihr her ? Wohin geht eure Reise ? Man habt ihr viel Gepäck dabei ! Auf der Passhöhe befindet sich ein kleines Restaurant. Wir genehmigen uns jeder einen halben Liter Coca Cola. Die kleine Abfahrt ins Valloiretal genießen wir. Überall Aufschriften berühmter Radrennfahrer auf der Fahrbahn. Das Wetter ist wieder herrlich. Ein erster lustiger Gedanke entwickelt sich. Unsere Namen auf der Fahrbahn neben den Namen berühmter Radprofis wie Jan Ullrich oder Marco Pantani und dann ein Foto von oben. Kreide haben wir dabei. Die Idee wird bis zum Galibieranstieg zurückgestellt.

Hinter Valloire nimmt die Steigung auf 11% zu. Wir fahren in ein mit Wiesen bedecktes Hochtal hinein, entdecken eine ideale Stelle für unsere Straßenkreideaktion. Martin müht sich redlich ab unsere Namen auf der Straße zu platzieren. Jedes Mal, wenn ein PKW vorbeifährt, wird eine Teil der Kreide vom Windzug wieder weggeblasen. Es gelingt uns aber trotzdem, ein paar Fotos zu machen. In einer Höhe von 1900 m halten wir an einer kleinen Mauer an. Ideale Stelle für unsere Mittagspause. Das inzwischen üblich gewordene Ritual entwickelt sich. Kocher raus,....., Griesklöschensuppe..., Käse....usw.

Weiter vor uns ein paar Mountainbiker. Kurz hinter unserer Pausenstelle sehen wir die ersten Rampen. Steil geht es hinauf. Ein Stück weiter unterhalte ich mich mit einem älteren Holländer, ein Fan des Radprofis Boogeerd. Er ist begeistert von unserer Form des Reisens, findet jedoch, das er für solche Unternehmungen inzwischen etwas zu alt geworden ist. Ich erzähle ihm von unserem Erlebnis mit dem älteren holländischen Pärchen in Pre St. Didier. Erstaunen! Meter für Meter kurbeln wir uns den Pass hinauf. Die Temperaturen sinken zwar etwas, die Wetterlage bleibt aber stabil. Am Tunnelportal halte ich an. Wo bleiben Burkhard und Martin? Die Streckenführung kann von dort aus ein gutes Stück übersehen werden. Nach ein paar Minuten kann ich sie entdecken. Dunkle Punkte, sie haben angehalten, stehen an einem Gegenstand, sieht aus wie eine Mülltonne. Warum, ich weis es nicht.

Zunächst nehme ich an, dass man durch den Tunnel fahren kann, sehe aber sehr schnell, dass dieser stillgelegt wurde. Die Tore sind verschlossen. Also die letzten Kehren mit 12 % hinauf. Ich merke, dass ich 2000 Höhenmeter in den Beinen habe. Oben angekommen, muss ich vor Freude strahlen. Ich habe es geschafft. Auf der Passhöhe ist relativ wenig Platz. Einige Rennradfahrer stehen dort oben, etwas ungläubig schauen sie auf mein Gepäck. Ich bitte einen, ein Foto von mir zu machen. Ein Blick nach Süden und ich sehe die mächtigen Wände der Barre des Ecrins. Kurz darauf erscheint Martin, er winkt bereits von weitem, ist auch überglücklich, oben zu sein. Immerhin haben wir in den letzten vier Tagen bereits vier der höchsten Alpenpässe hinter uns gebracht. Während Burkhard anrollt, genießen wir den Ausblick auf die von uns bewältigten Nordschleifen. Je nach Sonneneinstrahlung verändern sich die Blicke ständig. Der Gegenstand den ich gesehen habe, war tatsächlich eine Mülltonne! Ich höre mir von den beiden eine unglaubliche Geschichte von einem von Jan Ullrich in die Mülltonne gesteckten, noch vollständig eingepackten Baguette an, welches sie auf keinen Fall in der Mülltonnen liegen lassen konnten und schmunzele. Meine scherzhafte Frage ob auch Käse drauf gewesen ist, hören sie gar nicht.

Auf der anderen südlichen Seite des Tunnelportals gibt es eine Gebäude mit Restaurant/Cafe und Souvenirshop. Dort trinken wir uns einen Cappuchino und kaufen als Souvenir den üblichen Passaufkleber. Zu sehen ist hier auch das für den Gründer der Tour de France, Henri Desgrange, aufgestellte Denkmal. Mit 10 % Gefälle rollen wir einen Geröllhang entlang in Richtung Col du Lauteret. Etwas rechts vor uns zu sehen die gewaltigen Felsen und Eisblöcke der Meije. Den Col du Lauteret bekommen wir quasi auf unserer Abfahrt geschenkt. Wir halten dort nur kurz an und lassen uns durch das Vallee de la Guisane in Richtung Briancon treiben. Mit 5 bis 7 % Gefälle und nur langgezogenen Kurven fahren wir mit 35 - 40 km/Std. ins Tal hinab. Nach 2070 Tageshöhenmetern ist es ein Genuss, sein Fahrrad einfach rollen zu lassen. Die ständig steigenden Temperaturen saugen wir in uns auf. Chantemerle, unser Übernachtungsort, liegt 1300 m tiefer als die Passhöhe des Col du Galibier.

Der Campingplatz ist relativ stark frequentiert. Er gehört eher zu der Kategorie der Plätze, die Diskothek, Animationsprogramm und Ähnliches besitzen, also keiner der von uns doch so geliebten kleinen, ruhigen Art. So brauchen wir auch ein paar Minuten bis wir ein halbwegs akzeptables Plätzchen gefunden haben. Unseren Riesenhunger stillen wir im Campingplatzrestaurant.