Unsere Ankunft in Santiago de Compostela

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
26. 08.2009 25 565 350 3900 Hostal San Juan

 

Herbergen haben grundsätzlich alle einen Nachteil, an einen tiefen erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. 40 Menschen in einem Schlafsaal erzeugen immer eine gewisse Unruhe, diese Erfahrung mußten wir gleich bei unserer ersten Herbergsübernachtung machen. Als der erste Pilger dann um 07:00 Uhr morgens das Licht einschaltete, war die Nacht vorbei. In der Herberge konnten wir nur einen Cafe trinken, deshalb nahmen wir unser Frühstück in einem Cafe am nahen Bahnhof ein. Am Abend zuvor hatten wir beschlossen, das erste Teilstück des Tages mit dem Zug zurückzulegen. Ab Padron wollten wir dann bis nach Santiago de Compostela hineinradeln. Die Zugfahrt würde die uns am Nachmittag in Santiago zur Verfügung stehende Zeit um einige Stunden erhöhen. 

Ab Padron führte der weitere Weg über idyllische Sträßchen, verbunden mit einem ständigen Auf und Ab. Immer wieder trafen wir Pilger, die auf dem Weg nach Santiago waren. Nach dem Durchqueren einiger kleiner Dörfer standen wir plötzlich vor dem prunkvollen Marienheiligtum von Escravitude.

Das Marienheiligtum wurde zwischen 1732 und 1743 über einer Quelle errichtet, bei der im Jahr 1732 ein Wunder geschah. Schenkungen ermöglichten den Bau dieses großen barocken Sanktuariums mit dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes. Die Fassade wird von zwei Türmen flankiert, vor denen die Pilger über eine Treppe zum Eingang hinaufsteigen.

Am Seiteneingang der Kirche traf Claudia auf einen alten Mann, der etwas englisch sprach. Er erzählte ihr, dass er früher als Steward auf einem Schiff in Norwegen gearbeitet hätte und sehr viel herum gekommen sei. Er gab ihr den Tip, etwas zu warten. Der Pastor würde gleich aus der Kirche kommen, um zum Mittagessen zu gehen. Von ihm würden wir dann auch einen Stempel in unseren Pilgerausweisen erhalten. Wenige Minuten später erschien der alte Pastor tatsächlich. Er wirkte etwas ungehalten (das Essen wartete ja) und verschwand irgendwo in einem Nebenraum der Kirche. Als wir uns schon fragten, ob wir unsere Pilgerausweise jemals wiedersehen würden, erschien er plötzlich und gab Claudia die Pilgerausweise ohne großen Kommentar. Bis nach Santiago de Compostela hinein waren in Summe noch 300 Höhenmeter zu bewältigen. Nachfolgend haben wir noch ein paar Fotos von den letzten Kilometern zusammengestellt.

Das Gefühl bei der Ankunft vor der Kathedrale in Santiago de Compostela kann man kaum beschreiben. Knapp 600 reine Radkilometer hatten wir von Lissabon aus in den Beinen, hatten insbesondere bei der Hitze in Portugal so manchen Liter Schweiß verloren. Wenn man bedenkt, dass Claudia diese Strecke ohne große Trainingsvorbereitung bewältigt hatte, dann war das insbesondere für sie eine großartige Leistung.

Auf dem Vorplatz der Kathedrale tummelten sich die Menschen. Pilger verschiedenster Nationalitäten trafen hier aufeinander, alle fasziniert von der Größe der Kathedrale und der eigenen körperlichen Ausdauer, die sie bis an diesen Ort gebracht hatte. Was hatten diese Menschen auf ihrer Pilgerfahrt nicht alles erlebt?

Die Kathedrale von Santiago, mit deren Bau im Jahre 1075 begonnen wurde, ist sowohl wegen ihres künstlerischen als auch symbolischen Wertes eines der größten Baudenkmäler Europas. Von ihrem romanischen Ursprung aus entwickelte sie sich über die verschiedensten Stile fort. Bedeutsam ist insbesondere der Barock, der in der Fassade des Obradoiro zu höchster Vollendung gelang. Der Besuch des Kathedralenkomplexes schließt für die Pilger üblicherweise ein Ritual ein, das aus zwei Teilen besteht. Die traditionelle Umarmung des Apostels Jakobus im Schrein über dem Hauptaltar und der anschließende Gang zur Krypta, in dem seine sterblichen Überreste aufbewahrt werden.

An der traditionellen Pilgermesse, in der ein großes Weihrauchfass (botafumeiro) an Seilen hängend in mächtige Schwingungen versetzt wird, konnten wir leider nicht teilnehmen. Die Messe findet täglich bereits um 12:00 Uhr statt, wir waren in Santiago aber erst am frühen Nachmittag angekommen. Unsere erste weitere Aktion bestand darin, unsere Räder zum Pilgerbüro zu schieben. Dort sollten wir gegen Vorlage unserer Credential del Peregrino unsere Compostela erhalten. So nennt sich die vom Domkapitel ausgestellte offizielle Urkunde zur erfolgreichen Realisierung der Pilgerfahrt.

Aufgrund des Andrangs und unserer Unwissenheit dauerte es etwas, bis Claudia wieder vor dem Büro erschien. Unsere Pilgerfahrt per Rad hatten wir reichlich per Stempel dokumentiert, insofern waren keine Probleme zu erwarten gewesen. Was wir aber nicht wussten, war die Tatsache, dass jeder Pilger persönlich im Büro erscheinen musste. Ich selber war aber zur Bewachung der Räder draußen geblieben. Nachdem Claudia erklärt hatte, warum ich draußen blieb,  war das Problem aber wohl vom Tisch.

In einem Reiseführer hatten wir gelesen, dass es in der Nähe des Pilgerbüros eine Möglichkeit gab, sich die Compostela in Folie einschweißen zu lassen. Das Papier war nicht besonders dick, deshalb hofften wir, dass dieser Hinweis zutraf. Während Claudia die Räder aufpasste, machte ich mich zu Fuß auf den Weg, lief die Straße etwa 200 m hinunter und fand nach mehreren Anfragen in verschiedenen Geschäften einen kleinen Fotoladen. Der längliche Raum war eher ein Copyshop als ein wirkliches Fotogeschäft. Die ältere Frau im Geschäft hatte aber wohl die Bedürfnisse der Pilger erkannt und entsprechend investiert. 5 Minuten später war ich Besitzer zweier in Folie stabil eingeschweisster Zertifikate und das für einen Preis von 2,- €.

In guter Stimmung machten wir uns auf den Weg zu unserer Unterkunft. Wir hatten die Übernachtung in Santiago bereits von zu Hause aus gebucht und die Koordinaten im GPS-Gerät gespeichert. Unsere Stimmung war auf dem Höhepunkt, als wir bei der Ankunft feststellten, dass wir einen absoluten Treffer gelandet hatten. Das kleine Hotel/Pension Campanas de San Juan, welche sich nur wenige Meter nordöstlich der Kathedrale befindet, war vom Standard her wirklich toll. Es sollte sich als die beste Unterkunft unserer gesamten Tour herausstellen. Danach schlenderten wir noch ein wenig durch die alte Stadt, genossen die einmalige Athmosphäre und verbrachten den Abend draußen im Restaurant „Casa de Comidas“.