Pontevedra, die "Hauptstadt" des Portugiesischen Pilgerwegs

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
25. 08.2009 43 540 500 3550 Pilgerherberge

 

Während wir auf dem Camino in Portugal nur wenige Pilger trafen, änderte sich das ab Tui schlagartig. Schon morgens beim Verlassen des Ortes, überholten wir mit unseren Rädern einige Frühaufsteher, die sich auf den Weg gemacht hatten, die Tagesetappe bis O Porrino oder sogar bis Redondela zu laufen. Auf der Strecke bis O Porrino ließ sich wunderschön radeln. Die Sonne schien und der Fahrtwind war noch angenehm kühl, so dass wir reichlich Spaß hatten, über die kleinen Nebenstraßen zu fahren. Es ging zwar immer mal wieder 30 Hm rauf und runter, meistens aber mit akzeptabler Steigung. Am Rande eines Wohngebietes sahen wir auf dem Grundstück eines verfallenen Hauses unseren ersten Hórreo, von denen wir in Galicien und Asturien noch viele sehen würden.

Hórreos sind traditionelle Speicher für Feldfrüchte, wie z. B. Mais. Es handelt sich dabei um freistehende, meist längliche Bauten, die zum Trocknen der Früchte dienen. Charakteristisch ist der Unterbau aus Pfeilern und Steinplatten, auf denen dann der eigentliche mit Lüftungsschlitzen versehene Speicher steht. Hintergrund dieser Bauweise sind die klimatischen Bedingungen im Nordwesten Spaniens. Die hohen Niederschlagsmengen und die damit verbundene hohe Luftfeuchtigkeit lassen Vorräte bei schlechter Durchlüftung schnell verrotten. Der zuvor beschriebene Unterbau verhindert, dass am Boden lebende Tiere wie z.B. Mäuse in den Speicher gelangen.

Bei unserer Ankunft in O Porrino war Markttag. Da wir ohnehin nicht radeln konnten, schoben wir unsere Räder langsam durch die Menschenmassen und schauten uns ein wenig die angebotenen Auslagen an. Dort gab es fast alles, angefangen von Kleidung über Lebensmittel bis hin zu Werkzeugen oder im Haushalt benötigte Dinge.

In der ersten kleinen Kirche startete Claudia nochmals einen Versuch, einen weiteren Pilgerstempel zu erlangen. Sie traf am Eingang auf eine ältere Spanierin, die Claudias Anliegen wohl verstanden hatte. Ihre langen in spanisch schnell gesprochenen Erklärungen (hörte sich an wie ein Wegbeschreibung) halfen uns aber nicht weiter, wir verstanden so gut  wie nichts. Schade, sie hatte sich sichtlich Mühe gegeben. Der Fußgängerzone konnten wir mit unseren Rädern nicht mehr weiter folgen. Sie bestand aus einer Großbaustelle.

Im Gegensatz zu unserem ersten Teilstück des Tages, besteht die Wegführung des Caminos auf der Strecke zwischen O Porrino und Redondela aus einem ständigen steilen Auf und Ab. Mehrere Male flüchteten wir von der stärker befahrenen N550, um so weit wie eben möglich dem tatsächlichen Pilgerweg zu folgen. Überrascht wurden wir jedesmal mit einer ca. 15-17% igen Steigung. Mehrere Male „quälten“ wir uns über mehr als 100 Höhenmeter hinauf und radelten wieder steil in eine Senke, bis wir es endlich aufgaben, wir kamen einfach zu langsam voran. Bis Pontevedra waren noch mindestens 30 km zu radeln. Die Zeit lief uns davon und eine in Ruhe genossene Ortsbesichtigung Pontevedras stand auch noch auf unserem Tagesprogramm. Die letzten Kilometer bis Redondela schwenkten wir deshalb auf die N550, ärgerten uns ein wenig über den Verkehr, kamen aber schnell voran. Redondela besitzt eine Eisenbahnlinie, die hoch oben auf starken Pfeilern mitten durch den Ort führt. Aufgrund ihrer Größe ist sie kaum zu übersehen, sie schneidet den Ort quasi von West nach Nordost in zwei Hälften.

Immer den gelben Camino-Pfeilen folgend, standen wir ziemlich schnell vor der Pilgerherberge von Redondela, die nicht nur von Außen ein Schmuckstück ist. Die Herberge zählt zu eine der größten auf dem Portugiesischen Pilgerweg und befindet sich in einem historischen Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, das Casa da Torre genannt wird. Sie besitzt Übernachtungsplätze für etwa 100 Pilger. Beim Betreten der Pilgerherberge kommt man noch vor der Rezeption zunächst in einen Vorraum,

der als Ausstellungsraum genutzt wurde. Dahinter befand sich dann die Rezeption vor der einige Pilger in der Schlange standen. Als sie bemerkten, dass es uns nur um einen Pilgerstempel und nicht um eine Übernachtung ging, winkte man uns durch. Unseren Pilgerausweis mit einem weiteren schönen Stempel versehen, verließen wir das Gebäude, um den weiteren Tagesablauf zu besprechen.

Wir entschieden uns dazu, die restlichen 23 km mit der Bahn zu fahren. Wir wollten auf unserer Tour nicht nur Kilometer spulen und den ganzen Tag auf dem Rad verbringen, sondern noch genügend Zeit für die kulturellen Highlights der Region besitzen. Hinzu kam, dass wir nicht weiter auf der Nationalstraße fahren wollten. Der Bahnhof von Redondela liegt etwa 500 m westlich vom Ortszentrum auf einem Hügel. Klar, dass der noch schweißtreibend erarbeitet werden musste. Wir hatten Glück, der Zug fuhr schon wenige Minuten später, die Fahrt bis nach Pontevedra dauerte maximal 20 Minuten.

Pontevedra liegt in einer sogenannten Ría, der Ría de Pontevedra, an der Flussmündung des Lérez. Eine Ría ist eine Art Bucht, die lang ins Innere des Landes eindringt, im Gegensatz zu einem Fjord aber nicht durch Gletscher gebildet wurde. Sie sind meist sehr flach und besitzen eine geringe Buchttiefe.

Bahnhof und Pilgerherberge liegen am südöstlich Stadtrand von Pontevedra. Da wir uns noch nicht entscheiden konnten, ob wir in der historischen Altstadt in einer Pension oder in der Pilgerherberge übernachten, radelten wir zunächst vollbepackt in die Altstadt. Pontevedra wird auch als Hauptstadt des Portugiesischen Jakobsweges bezeichnet und das wunderte uns nicht. Von den vielen Millionen Pilgern, die sich in den letzten Jahrhunderten auf den Weg machten, wird es wohl nur sehr wenige geben, die dieses alte Städtchen nicht besucht haben. Wir waren kaum in der Altstadt angelangt, das standen wir auch schon vor der Capilla de la Peregrino, auch Virxe Peregrina (Jüngfräuliche Pilgerin) genannt. Die Virxe Peregrino symbolisiert die enge Verbindung der Stadt mit dem Jakobskult. Die Kirche der Schutzpatronin dieser Stadt ist eine originelle Konstruktion aus dem 18. Jahrhundert. Sie hat einen runden, einer Jakobsmuschel ähnelnden Grundriss. Schon der erste Rundgang durch die alten Gassen faszinierte uns sehr.

In einem Cafe auf dem Lena Platz trafen wir die Entscheidung, zur Pilgerherberge zu radeln. Wir wollten später ohne Gepäck zurückradeln, um den Abend in der Altstadt zu genießen.

Die Herberge in Pontevedro ist relativ neu und ein absolutes Schmuckstück. Wem es nichts ausmacht, mit vielen Menschen in einem Saal zu schlafen, dem können wir diese Herberge sehr empfehlen. Zwei ältere Damen empfingen uns sehr freundlich, erklärten uns, wo wir unsere Räder abstellen konnten und gaben uns in Folie eingepackte Spannbezüge für die Matratzen.  Saubere Duschen und Toiletten bestätigten unseren positiven Ersteindruck. Unseren Abend verbrachten wir in einem gemütlichen Restaurant auf dem Lena Platz. Dort versuchte ich noch ein wenig von der Abendstimmung einzufangen.