Ein langer Tag, oder 140 km durch die Westfjorde

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
08.07.2010 140 590 960 5190 Edda-Hotel

 

Mit einer der jungen „Austauschschülerinnen“ hatten wir am Abend zuvor vereinbart, dass wir bereits um 08:00 Uhr frühstücken konnten. Sie hatte natürlich mit Stella vorher Rücksprache gehalten, denn ohne die pensionierte Schulleiterin lief im Heydalur nichts. Wir hatten ein großes Interesse daran, nicht zu spät zu starten, uns stand schließlich die längste Etappe über knapp 140 km bevor.

Um 08:00 Uhr morgens war das Frühstück fertig. Wir stärkten uns reichlich, unterhielten uns noch kurz mit ein paar deutschen Frühaufstehern und radelten dann los. Die Wetterlage war nicht so toll! Es war nasskalt und dunstig, die Temperatur lag bei etwa 6 Grad Celsius, ein geeigneter Grund, ordentlich in die Pedale zu treten. Warm zu werden war kein Problem, denn der Wind blies, wenn auch nicht mit der Kraft des Vortages, reichlich von vorn. Sehr schnell bemerkten wir, dass uns die vom Rennradfahren vertraute Nutzung des „Belgischen Kreisels“ sehr hilfreich war. Alle paar hundert Meter wechselten wir die Position, so dass jeder mal für kurze Zeit im Windschatten des Anderen kam. Nach 12 km sahen wir die rechts vor uns liegende neue Brücke über den Mjoifjoerdur, ab dort radelten wir wieder auf asphaltiertem Grund.

In den Genuss eines Rückenwindes kamen wir erst nach 32 Tageskilometern, als die Straße in den Skotufjoerdur schwenkte. Islands Westfjorde gehen tief bis in das Landesinnere und kosten Kraft, das hatten wir schon auf den ersten 32 km bemerkt. Die Fahrt in den Skotufjoerdur hinein war im Gegensatz zu den ersten Tageskilometern ein reiner Genuss. Die 20 Kilometer „flogen“ wir mit dem Rückenwind nur so dahin, bis das Fjordende erreicht war, danach begann das Spiel von vorn! Kurbeln, kurbeln und nochmals kurbeln, dazu ein ständiger Fahrerwechsel, das klappte auch, ohne überhaupt miteinander zu kommunizieren. 10 km radelten wir wieder gegen den Wind, bis wir links von der Straße Schilder mit den Aufschriften „Litlibaer“ und „Welcome“ sahen. Wir wurden natürlich neugierig! Nach bereits 62 Tageskilometern würde eine Pause gut tun und was gab es dort zu sehen?

Litlibaer war ein Highlight des Tages. Schon die Atmosphäre beim Empfang bereitete Freude. Ein ca. 12 Jahre alter Junge empfing uns herzlich  und sprach uns direkt in englischer Sprache an. Er zeigte uns einen Gastraum und sprach im Hintergrund wohl immer mit seiner Oma, die kein Wort englisch verstand. Kurz darauf wurden uns Waffeln mit Sahne und Kaffee gereicht.

Draußen auf einer Hinweistafel standen einige Angaben über Litlibaer, die ich hier einmal wiedergeben möchte: Litlibaer (der kleine Hof) wurde 1895 erbaut. Die Hauswiese ist durch eine geschichtete Steinmauer abgegrenzt und misst rund 3 Hektar. Die Bewohner lebten vom Fischfang und der Landwirtschaft. Die Grundfläche des Hauses beträgt nicht mehr als 3,9 x 7,4 m. In der Nähe lagen zwei Häuser, die als Küche dienten. Zeitweise wohnten bis zu 20 Personen in Litlibaer. Das Anwesen war bis 1969 bewohnt. Knapp südlich der Heuwiesenmauer liegen Grundmauern einer ringförmigen Hütte, dessen Steinschichten vermutlich älter sind als Litlibaer selber.

Im Lilibaer gab es interessante Sachen zu sehen, die natürlich fotografiert werden mussten.Island war eine Welt für sich, das konnte man hier wieder spüren. Wer war 1895 wohl auf die Idee gekommen, sich hier vollkommen abgeschieden und alleine niederzulassen? Wir unterhielten uns eine Zeit lang mit dem Jungen, der von seinen Ferien erzählte und eigentlich aus  Reykjavik kam. Jetzt half er seiner Oma und fand diese Aufgabe vollkommen normal.

Eine gute halbe Stunde hielten wir uns dort auf, danach ging es weiter. Sehr schnell fanden wir wieder unseren Rhythmus und kämpften mit den Rädern durch den Wind. Etwa 45 Minuten später kamen uns in der Ferne im Hestfjoerdur zwei Radlerinnen entgegen. Wir hatten die beiden Amerikanerinnen kurz beim Start am Alex Campingplatz kennengelernt, aber keine Fahrtrouten ausgetauscht. Es war schon ein wenig lustig, sich nach hunderten von Kilometern ausgerechnet hier in den Westfjorden zu treffen. Wir unterhielten uns ein wenig mit ihnen, machten uns dann aber auf den Weg. Schließlich lagen noch 64 km Fahrstrecke vor uns.

Bis Isafjoerdur benötigten wir noch fast 5 Std. In der Gesamtzeit enthalten ist eine längere Pause im kleinen Ort Sudavik, einem Fischerort im Alftafjoerdur mit nur 200 Einwohnern. In die Schlagzeilen kam der Ort im Jahr 1995, als ein Lawinenabgang 22 der 70 Häuser zerstörte und 14 Menschen tötete. Man baute einen Teil des Ortes wieder an einer anderen Stelle auf, was die heutige Zersiedlung erklärt.

Als wir Isafjoerdur erreichten, waren unsere Kräfte ziemlich aufgebraucht. 140 km hatten wir uns durch die nasskühle Luft und bei teilweise starkem Gegenwind mit 30 kg Gepäck bis nach Isafjoerdur gekämpft. Ein warmes Hotelzimmer war die richtige Belohnung. Wir ließen den Campingplatz links liegen und radelten bis ins Zentrum, um Ausschau nach einem Hotel zu halten.  Im „Isafjoerdur“ im Ortszentrum waren alle Zimmer ausgebucht, deshalb fiel unsere Wahl letztendlich auf das am Ortseingang befindliche Edda-Hotel.

Nach einer Dusche fühlten wir uns wieder erheblich besser, liefen in den Ort und fanden an der Pollgata kurz vor dem Hafen auch eine Art Restaurant/Jugendkneipe, indem wir den Abend verbrachten. Die Speisekarte war etwas beschränkt, wir waren aber zufrieden.