Angriffslustige Küstenseeschwalben

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
02.07.2010 100 100 900 900 Camping Strandarkirkja

 

Ein Blick aus dem Fenster genügte am Morgen um nach einem ausgedehnten Frühstück gut gelaunt mit der Montage der Räder zu beginnen. Die Sonne schien in voller Pracht, die Temperatur bei 13 Grad war noch nicht geeignet in kurzer Hose zu radeln, aber das war uns egal. Island war Island, mit der Möglichkeit mehrere Tage in kurzer Hose zu radeln hatten wir ohnehin nicht gerechnet. Die Radkartons deponierten wie bei Alex in der PKW-Garage, ein letztes Foto und schon konnten wir starten.

Unser erstes Tagesziel, der kleine 100 km entfernte Ort Strandarkirkja, lag wie auch der Flughafen in Keflavik auf der Halbinsel Reykjanes. Die Halbinsel ist gekennzeichnet durch riesige, relativ junge Lavafelder, die im Gegensatz zu den älteren nur spärlich mit einer Vegetationsschicht überzogen sind. Aktiven Vulkanismus findet man dort für jeden sichtbar in Gunnuvher und Krysuvik. Die beiden Hochtemperaturgebiete gehörten zu den Zwischenstops des ersten Tages.

Zunächst radelten wir aber erst einmal im Bogen um den Flughafen herum, um nahe am Meer entlang zu dem kleinen Ort Hafnir zu gelangen. Die „Häuseransammlung“ Hafnir bildet gemeinsam mit den Orten Keflavik, Grindavik und Njardvik die Gemeinde Reykjanesbaer. Wenige Kilometer weiter trafen wir auf eine touristische Besonderheit, die über einen schmalen Weg erreicht werden kann. Es handelt sich um die „Brücke zwischen den Kontinenten“.  An der Stelle überspannt eine Stahlbrücke einen mehrere Meter breiten Spalt, der die Trennung zwischen der eurasischen und nordamerikanischen Platte markiert. Eine dort vorhandene Schautafel erläutert ausführlich den Effekt der Plattenverschiebung.

Bis zum oben bereits erwähnten Hochtemperaturgebiet Gunnuvher war es dann nicht mehr weit. Direkt neben dem Geothermalkraftwerk von Svartsengi gelegen, macht man dort die Erfahrung, dass es direkt neben einem in einer spärlich bewachsenen Wiese aus dem Boden qualmt. Überall wo wir hinschauten, blubberte und dampfte es aus dem Boden. Über Holzstege mit Geländer wurden die Wege „abgesichert“, so dass man ohne Fußverbrennungen bis nahe an die größten Fumarolen (Fumarolen = Dampfaustrittstellen) gelangt. Gunnuvher ist über eine knapp 2 km lange Schotterpiste (gravel road) erreichbar, aber kaum zu übersehen. Das danebengelegene Kraftwerk von Svartsengi versorgt die bei Touristen so beliebte „Blaue Lagune“ über eine ca. 13 km lange Pipeline mit heißen Abwässern. Diese sollen sehr mineralhaltig sein.

Wir hielten uns dort einige Zeit auf, zu interessant war das Farbenspiel in den schwefelhaltigen Ablagerungen. Danach kurbelten unsere Räder gegen den Nordostwind bis nach Grindavik. Den Ort kannte ich ja schon von meiner Tour im Jahr 2007, ein kleines Städchen, deren ca. 3000 Einwohner zumeist vom Fischfang lebten. 2007 hatte mir der Campingplatz neben dem Sportstadion überhaupt nicht gefallen. Ich hatte nur kurz angehalten und war zu der Entscheidung gekommen auf meiner letzten Etappe noch bis  Keflavik zu radeln. Umso verwunderter war ich jetzt, dass es den alten Campingplatz nicht mehr gab. Am östlichen Ortsausgang hatte man einen neuen errichtet, der mir erheblich besser gefiel.

Wir beide nutzten im Ort den vorhandenen NETTO-Markt um einige Lebensmittel zu kaufen, pausierten kurz in einem Cafe, strebten dann aber weiter dem Ortsausgang zu. Immerhin lagen noch über 60 km Fahrstrecke vor uns. Kurz hinter dem Ortsausgang trafen wir dann auf ein Schild, dass eine besondere Bedeutung besitzt. Vor dem Erreichen der Steilküste führt die Str. 427 mitten durch ein Brutgebiet der Küstenseeschwalben. In Europa gibt es kaum einen Vogel, der so aggressiv und angriffslustig ist wie die Küstenseeschwalbe. Gelangt man in deren Gebiet, wird man sofort am Kopf attackiert. Selbst Autos werden nicht selten angegriffen. Die Isländer lösen dieses Problem, indem sie teilweise lange Stangen hochhalten, uns schützte auf der Fahrt unser Fahrradhelm. Zunächst meint man, dass diese Aggressivität damit verbunden ist, dass wir durch deren Brutgebiet radeln, dem ist aber nur teilweise so. Die Aggressivität gehört zum Wesen dieser Vogelart und ist ein Bestandteil ihres Balzverhaltens. In den Wiesen hinter Grindavik brüten sehr viele Küstenseeschwalben auf engem Raum, insofern darf man die Angriffe nicht weniger Vögel auf Eindringlinge wie uns als gemeinsame Überlebensstrategie ansehen. Unwohl wurde uns schon ein wenig dabei! Einige Küstenseeschwalben klapperten mit ihren Schnäbeln bevor sie sich auf uns herabstürzten, die meisten drehten aber kurz vorher bei, ohne uns wirklich zu gefährden, einzelne berührten aber schon mal den Helm.

Etwas später trafen wir auf die östlich von Grindavik gelegene Steilküste. Der Blick auf die steil abfallenden Felswände der Halbinsel Reykjanes ist sehr schön, danach sammelt man mit dem Rad aber auch die ersten Höhenmeter. Den Blick auf die alte Straßenführung der Str. 427 gerichtet, radelten wir die gut 100 Hm auf der neuen Straße hinauf, danach ging es wieder hinab in Richtung Meer um weiter der Küstenlinie zu folgen.  Hinter einer kleinen Cafebude, in der wir kurz einkehrten, endete die Asphaltdecke.

Die Fahrbahn ließ sich noch relativ gut befahren und war mit den teilweise üblen Pisten im Hochland nicht zu vergleichen. Lose kleine Steine auf der ansonsten festen Fahrbahndecke störten etwas, wir kamen aber gut voran.  Bis zum Hochtemperaturgebiet Krysuvik (Seltun) waren noch über 15 km zu radeln. Auf dem Weg dorthin hielten wir noch einmal kurz auf dem Hügel Borgaholl, auf dem ich im Jahr 2007 sehr viele kleine Steinpyramiden gesehen hatte. Leider waren die meisten aber von Menschenhand oder einem Sturm zerstört worden.

Im Februar 2010 war in den isländischen Zeitungen und im Internet von einer Tat zu lesen, für die jeder normal denkende Mensch keine Erklärung fand. Einige „Verrückte“ hatten die kleine, auf einem Hügel gelegene Holzkirche Krysuvikirkja abgebrannt. Die Kirche stammte aus dem 19. Jahrhundert. Sie hatte keine Stromversorgung, insofern konnten technische Defekte als Ursache ausgeschlossen werden. Die Täter wurden wohl bis heute nicht gefasst. Vor Ort war leider nur noch die Fläche zu sehen, auf dem die Kirche einmal gestanden hatte.

Von dem Hügel, auf dem die Kirche einmal gestanden hatte ist das Hochtemperaturgebiet Krysuvik bereits zu sehen. Die schwefelhaltigen Wände heben sich farblich deutlich von der ansonsten grauschwarzen und grünen Umgebung ab. Die Straße führt zwei Kilometer leicht ansteigend am See Graenavatn vorbei, danach steht man urplötzlich vor dem Schlammpott Fulipollur. Etwas links von der Straße stehen dann die Hinweisschilder. Man kann sie aufgrund der dort parkenden Autos nicht übersehen. Auf dem nachstehenden Foto sind wir schon einige Meter in das Hochtemperaturgebiet hineingelaufen.  Von oben sieht man den Holzsteg, der sich wie eine Schlange durch das Gebiet zieht und dafür sorgt, dass man sich nicht die Füße verbrennt.

Bis Strandarkirkja waren noch gut 27 km zu radeln. Auf den letzten Kilometern nahmen die losen Steine und die Waschbrettstellen immer mehr zu, so dass es ein einziger Kampf wurde eine fahrbare Stelle zu finden. Immer wieder mussten wir kurz anhalten, um unsere verkrampften Hände zu lockern und auszuschütteln.

In dem aus wenigen Häusern und einer abseits gelegenen Kirche bestehenden Ort Strandarkirkja hatten wir auf dem Campingplatz maximal ein Toilettengebäude erwartet. Diese Erkenntnis hatten wir verschiedenen Reiseführern entnehmen können. Umso überraschter waren wir, dass es eine Dusche und einen kleinen Verkaufswagen gab. Der Tag war damit „gerettet“, man hatte in den letzten Jahren wohl ein wenig nachgerüstet.

An dem Abend liefen wir noch den ca. 1 km langen Weg bis zur Strandarkirkja. Unterwegs wurden wir, wie schon hinter Grindavik, ständig von Küstenseeschwalben attackiert. Uns fehlte der Fahrradhelm als Kopfschutz, deshalb kamen die Schwalben unseren Köpfen immer gefährlich nahe. Mit wedelnden Armen und einer auf den Kopf gestellten Lenkertasche lösten wir das Problem.

Durch ein Fenster konnte man sehen, dass die Kirche im Gegensatz zu vielen anderen kleinen Kirchen Islands reichlich geschmückt war, sie war aber leider abgeschlossen,